Der neue Forschungsschwerpunkt „Erkenntnisformen der Fotografie“ hat in seiner ersten Laufzeit von drei Jahren das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Bilder des Wohnens. Architekturen im Bild“ zum Gegenstand. In einzelnen Teilprojekten werden auf künstlerisch-praktischer und theoretischer Ebene die Beziehungen der Fotografie und des Bewegtbildes zum Wohnen als gelebter Praxis, kollektiver Vorstellung und wissenschaftlichem Objekt untersucht. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist die These, dass das Medium der Fotografie für die Reflexions- und Denkgeschichte des Wohnens, die wesentlich erst im 19. Jahrhundert einsetzt, konstitutiv ist. Die Fotografie lässt die Architektur bzw. materielle Wohnformen erstmals massenhaft Bild werden und übernimmt auf diese Weise die systematische visuelle Erfassung und vergleichende Analyse der im 18. und 19. Jahrhundert weltweit vorgefundenen unterschiedlichen Bautypen und Wohnformen. Das fotografische Bildkorpus schreibt sich dabei ebenso in die alten Bild- und Aufzeichnungsmedien Malerei und Architekturzeichnung ein wie sie diese aufgrund ihrer spezifischen Medialität und Bildrhetorik hinter sich lässt. In ihrer massenhaften Verbreitung interagieren Fotografien seit dem frühen 20. Jahrhundert zunehmend mit den mentalen oder kollektiven Vorstellungsbildern des Wohnens. Was zuvor wesentlich habituell erworben sowie durch die tradierten Bildmedien und die Literatur geprägt worden ist, fällt in der Moderne der Fotografie zu. Das fotografische Bild übernimmt es, den gebauten Raum und die Praktiken des Wohnens, die er verkörpert, gleichermaßen zu dokumentieren und zu inszenieren. An diesen Zusammenhang knüpfen sich genuin fotografische Problemstellungen, welche die Raumrepräsentation im Bild, hybride Formen des Fotografischen, Dokumentation vs. Inszenierung, fotografische vs. filmische Bildrhetorik, soziale und kulturhistorische Kontextualisierung von Fotografien und die Fotografie als Wissensinventar der Architektur und der Anthropologie umfassen.