Fotografierte ‘Urhütten’. Zur Aufzeichnung einheimischer Architekturen, 1850-1910

Das Teilprojekt setzt sich mit der Rezeption außereuropäischer Wohn- und Siedlungsformen in der Architektur durch die Fotografie auseinander. Es wird insbesondere der Einfluss entsprechender fotografischer Bildkonvolute auf die Architekturtheorie und die Architektur der Moderne untersucht.

Désiré Charnay, Figure gigantesque à Izamal au sud de la pyramide, Albuminabzug, 1860 (Musée du quai Branly, Paris, © bpk / RMN - Grand Palais / Désiré Charnay)


« L’étude des folklores n’est qu’une section d’une science majeure épanouie réellement à l’apparition toute récente de moyens techniques exceptionnels d’information : la photographie (sous sa forme extraordinairement maniable d’aujourd’hui), le cinéma, l’enregistrement sonore, etc. Cette science, c’est l’ethnographie, dont la matière première est le document exact. Le document exact, sonore ou optique, accumulé innombrablement dans les casiers de la photothèque ou de la discothèque, nous donne désormais les vues les plus limpides sur l’existence des peuples, sur l’état de civilisations jusqu’ici hors de portée. » (Le Corbusier, Entretien avec les étudiants des écoles d’architecture (1942), in: ders.: La Charte d’Athènes, Paris 1957, S. 125-188, hier S. 170.)

Aufbauend auf einer Mechanisierung der Architekturzeichnung durch optische Medien wie die Camera Lucida finden die Daguerreotypie und die Kalotypie früh schon Verwendung für die Aufzeichnung von Architektur. Anfangs auf Monumentalbauten und Monumente beschränkt, halten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das repräsentative Wohnhaus und zusehends auch einheimische Architekturen Einzug in die fotografischen Bildkorpora. Die Aufzeichnung von vernakularen Wohn- und Siedlungsformen wird gleichzeitig zu einem festen Bestandteil der visuellen Dokumentation außereuropäischer Kulturen. Exemplarisch sind hier die von Désiré Charnay unternommenen Reisen nach Mittelamerika anzuführen, die über Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc ihren unmittelbaren Widerhall in der Architekturtheorie des 19. Jahrhunderts finden. Daneben stehen Reisen in den Nahen Osten wie etwa die von Maxime du Camp nach Ägypten unternommene. Mit ihnen kommen fotografische Bildkorpora nach Europa, die vollkommen andere Bau-, Konstruktions-, Siedlungs- und Wohnweisen zeigen. Diese Bildkorpora wirken auf vielfältige Weise und gehen damit weit über die bisherige Annahme in der Forschung hinaus, lediglich zum Historismus und zur Stilgeschichte in der Architektur beigetragen zu haben.

Zu den im Rahmen des Teilprojektes aufgestellten und zu überprüfenden Thesen gehört erstens, dass sie die bis in die Neuzeit hinein wesentlich auf Monumentalbauten eingeschränkte Architekturhistoriografie entgrenzen. Das heißt, dass die Öffnung der Architekturgeschichte für den Profan- und Privatbau unmittelbar mit der Sichtbarmachung und Verbreitung von einheimischen Architekturen durch die Fotografie zusammenhängt. Zugleich befördern die Darstellungen einheimischer Architekturen die Rekonstruktionsversuche der „Urhütte“, die in der Architekturtheorie des 19. Jahrhunderts eine Konjunktur erfahren. Zweitens führt die mögliche Gegenüberstellung geografisch weit voneinander liegender Bauten durch die Fotografie zu einer vergleichenden Architekturgeschichte, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an einer vergleichenden Naturgeschichte des Menschen orientiert. Auf dem Bodensatz der physischen Anthropologie und ihrer Rassenideologie kommt es dabei zu einer Gleichsetzung von Bautyp und Rassentyp. Drittens bilden Zeichnungen und Fotografien einheimischer Architekturen die Grundlage für die Errichtung von Modellbauten auf den Weltausstellungen. Viertens machen diese Bildkorpora dort ihren Einfluss geltend, wo sich das Neue Wohnen der 1920er und 1930er Jahre in seiner funktionalen Reduktion an asiatischen und orientalischen Vorbildern orientiert. Die angeführten Austauschprozesse in der Architektur auf Grundlage der Fotografie sind hinsichtlich der folgenden Aspekte bis in die Gegenwart zu verlängern: Exotismen des Wohnens, Konstruktionen des Anderen über Konstruktionen einheimischer Architekturen, Möglichkeiten und Grenzen des interkulturellen Transfers von Wohnmodellen in Zeiten der Globalisierung.