Visuelle Argumente für ein befreites Wohnen in den 1920er und 1930er Jahren

Das Teilprojekt untersucht, wie Fotografien in Zeitschriften und Büchern sowie Filme der 1920er und 1930er Jahre gestaltet und eingesetzt wurden, um ein neues befreites Wohnen zu propagieren.

Plakate zur Werkbundausstellung „Die Wohnung Stuttgart“, 1927

In den 1920er Jahren wurde der Begriff des Neuen zur vorherrschenden Parole der Avantgarde. Das Neue Bauen mit industriell gefertigten Materialien wie Glas, Eisen und Eisenbeton sollte dem modernen Menschen zu einem befreiten Wohnen verhelfen. Die Neue Sachlichkeit in Fotografie und Film fokussierte die Konstitution der Dinge in reduzierter Formsprache; das Neue Sehen und eine bewegte Kamera befreiten den Blick in dynamischen Perspektiven. Die gemeinsame Überwindung von Konventionen für eine Konzentration auf das Wesentliche drückte sich in der Abwendung von einer piktorialistischen Fotografie und einer von ornamentaler Üppigkeit geprägten Architektur und Wohngestaltung aus. Klarheit, Übersichtlichkeit, Licht, Luft, Bewegung, Öffnung wurden in Publikationen wie Die neue Wohnung (1924) von Bruno Taut und Befreites Wohnen (1929) von Siegfried Giedion als grundlegend für die Bedürfnisse eines dem Lebensgefühl entsprechenden „schönen Wohnens“ genannt, in dem das „Praktische und Ästhetische als Einheit“ wirken sollten.

Die zeitgenössischen Publikationen weisen Dank neuer Druckverfahren zahlreiche Fotografien auf, die auf diesem Weg ein großes Fach- und Laienpublikum erreichten. Das Vermitteln und Argumentieren über die Fotografie wurde somit elementar darin, ein neues Bild des Wohnens in den Köpfen der Menschen zu bewirken, die dunkle, unhygienische und überbelegte Mietskasernen oder von Dekorationsdingen überladene Gründerzeitwohnungen gewohnt waren. Im selben Zusammenhang, etwa von Walter Gropius in seinem Werk über die Bauhausbauten Dessau (1930), wurden die Beschränkungen des Standbildes moniert, und auf unterschiedliche Weise wurde versucht, diese im Zusammenspiel des publizierenden und abbildenden Mediums zu überwinden, wenn es darum ging, den dynamischen Eindruck von Architektur und ihrem Gebrauch wiederzugeben. Das raumzeitliche Medium Film erschien hier als Lösung. Filmwerke wie Die Neue Wohnung (1930) von Hans Richter, Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich? (1926-1928) u.a. von Ernst Jahn und Walter Gropius und Architecture d’Aujourd’hui (1930-1931) von Pierre Chenal und Le Corbusier zeichnen Bewegungsvorgänge auf und vollziehen sie nach. Über fotografische Serien wie filmische Bewegtbildern sollte das „Wesentliche dieser Bauten, die Ordnung der sich in ihnen abspielenden Lebensfunktionen“, vermittelt werden.

Wie zeichnen sich Gestalt und Einsatz von Bildern für eine Propaganda des befreiten Wohnens aus? Mit welchen Motiven und medialen, stilistischen wie rhetorischen Mitteln wird eine Performanz des Wohnens in fotografischen und filmischen Bildern hergestellt, aufgezeichnet und didaktisch vermittelt? Um diese Fragen zu beantworten, sollen neben Form- und Strukturanalysen der Einzelbilder die Publikationszusammenhänge und Bildrhetoriken berücksichtigt werden, in die sie eingebunden sind, wie bspw. serielle Reihung und antithetische Gegenüberstellung der Einzelbilder. Vergleichend werden im privaten und im experimentellen Bereich entstandene Arbeiten, darunter Fotografien von Bauhäuslern oder Man Rays Film Les Mystères du Château de Dé (1929), einbezogen.